Studie „Klimaneutrales Deutschland“

Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden. Hierfür wird es auch seine Zwischenziele für 2030 und 2040 anheben müssen, weil die bisherigen nicht auf Klimaneutralität ausgerichtet sind. Wie kann es gelingen, ein Deutschland ohne Kohle, Erdöl und Erdgas zu schaffen? Und was ist dafür in den kommenden zehn Jahren nötig?

Prognos, Öko-Institut, Wuppertal Institut (2020): Klimaneutrales Deutschland. Studie im Auftrag von Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und Stiftung Klimaneutralität

Vollversion der Studie „Klimaneutrales Deutschland“ ist jetzt veröffentlicht!

Die Studie zeigt anhand von Szenarien, wie Deutschland bis zum Jahr 2050 klimaneutral werden kann, mit Wirtschaftlichkeit, Wahrung der Investitionszyklen und Akzeptanz als Kernkriterien.

Die untersuchten Szenarien zeigen, dass dies möglich ist durch die konsequente Anwendung von heute schon verfügbaren oder bereits weit entwickelten Technologien. Klimaneutralität erfordert den Aufbau eines komplett auf erneuerbaren Energien basierenden Stromsystems. Straßenverkehr und Wärmeversorgung werden weitgehend auf strombasierte Lösungen umsteigen. Die effiziente Sanierung des Gebäudebestands und der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft für Industrie, Energiewirtschaft, Schiffs- und Flugverkehr sind unerlässlich. Im Ergebnis wird Deutschland 2050 eine erneuerte Strom- und Verkehrsinfrastruktur besitzen, eine zukunftsfähige Wasserstoffindustrie, einen modernen Gebäudebestand und eine Industrie, die in den Zukunftstechnologien im globalen Wettbewerb vorne mitspielt. Richtig angegangen, wird der Weg in die Klimaneutralität zu einem umfassenden Investitions- und Modernisierungsprogramm.

Präsentation | Webinar zur Studie | 10. November 2020

Nachdem wir die Zusammenfassung unserer Studie „Klimaneutrales Deutschland“ am 22. Oktober veröffentlicht haben, haben wir die Ergebnisse der vollständigen, sehr umfangreichen Studie am 10. November im Rahmen eines Online-Events präsentiert.

Präsentation „Klimaneutrales Deutschland“ – In drei Schritten zu null Treibhausgasen bis 2050 über ein Zwischenziel von -65% im Jahr 2030 als Teil des EU-Green-Deals
Marco Wünsch, Inka Ziegenhagen, Dr. Wiebke Zimmer, Kirsten Wiegmann, Clemens Schneider
PDF-Datei, 3 MB

 

Video-Aufzeichnung | Webinar zur Studie | 10. November 2020

Die Auftaktveranstaltung zur Veröffentlichung der Studie „Klimaneutrales Deutschland“ am 10. November stellt den Auftakt für eine Reihe von vertiefenden Events (Deep Dives) zu den einzelnen Sektoren dar.

Anstehende Sektor-Events:

Verkehrssektor: Webinar am 03.12.2020, 11:00 – 12:30, Anmeldung

Gebäude- und Wärmesektor, Webinar am 10.12.2020, Anmeldung

Industriesektor, Webinar am 15.12.2020, 11:00 – 12:30, Anmeldung

Landwirtschaft und Landnutzung, Webinar am 17.12.2020, 11:00 – 12:30, Anmeldung

Vergangene Sektor-Events:
Stromsektor: Webinar am 26.11.2020 | Video-Aufzeichnung | Präsentation

Studie | Nov. 2020

Prognos, Öko-Institut, Wuppertal Institut (2020): Klimaneutrales Deutschland.

Studie im Auftrag von Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und Stiftung Klimaneutralität

Studie | Okt. 2020

Prognos, Öko-Institut, Wuppertal Institut (2020): Klimaneutrales Deutschland.

Zusammenfassung im Auftrag von Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und Stiftung Klimaneutralität

Video | Vorstellung der Studie | 22. Oktober 2020

Vorstellung der Studie „Klimaneutrales Deutschland: In drei Schritten zu null Treibhausgasen bis 2050“ durch Agora Energiewende,  Agora Verkehrswende und Stiftung Klimaneutralität am 22. Oktober 2020 in der Bundespressekonferenz

 

 

 

 

Zentrale Ergebnisse

Prognos, Öko-Institut, Wuppertal Institut (2020): Klimaneutrales Deutschland. Studie im Auftrag von Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und Stiftung Klimaneutralität

1. Ein klimaneutrales Deutschland 2050 ist technisch und wirtschaftlich im Rahmen der normalen Investitionszyklen in drei Schritten realisierbar. In einem ersten Schritt sinken die Emissionen bis 2030 um 65 Prozent unter das Niveau von 1990. Der zweite Schritt nach 2030 ist der vollständige Umstieg auf klimaneutrale Technologien, sodass die Emissionen um 95 Prozent sinken. In einem dritten Schritt werden die nicht vermeidbaren Restemissionen durch CO2-Abscheidung und -Ablagerung ausgeglichen.

2. Der Weg in die Klimaneutralität ist ein umfassendes Investitionsprogramm, vergleichbar mit dem Wirtschaftswunder in den 1950er/60er-Jahren. Kernelemente sind dabei eine Energiewirtschaft auf Basis erneuerbarer Energien, die weitgehende Elektrifizierung von Verkehr- und Wärmeerzeugung, eine smarte und effiziente Modernisierung des Gebäudebestands sowie der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft für die Industrie. Dies steigert zugleich die Lebensqualität durch weniger Lärm und Luftschadstoffe.

SKN-Kapitelgrafiken-Klimaneutralität

3. Das als Teil des European Green Deal angepasste deutsche 2030-Klimaziel von minus 65 Prozent Treibhausgase bedeutet eine deutliche Beschleunigung der Energie-, Verkehrs- und Wärmewende. Dazu gehören bis 2030 der vollständige Kohleausstieg, ein Erneuerbaren-Anteil am Strom von etwa 70 Prozent, 14 Millionen Elektroautos, 6 Millionen Wärmepumpen, eine Erhöhung der Sanierungsrate um mindestens 50 Prozent sowie die Nutzung von gut 60 TWh sauberen Wasserstoffs.

4. Die Weichen für Klimaneutralität 2050 und minus 65 Prozent Treibhausgase bis 2030 werden in der nächsten Legislaturperiode gestellt. Das Regierungsprogramm nach der Bundestagswahl 2021 ist von zentraler Bedeutung. Kluge Instrumente und Politiken modernisieren Wirtschaft und Gesellschaft Deutschlands in Richtung Resilienz und Zukunftsfähigkeit. Gleichzeitig gestaltet gute Politik den anstehenden Strukturwandel so, dass er inklusiv ist und alle mitnimmt.

Würden mit dem in der Studie aufgezeigten Weg die Ziele des Pariser Klimaabkommens eingehalten?

Ja!

Deutschland hat als Nationalstaat das Paris-Abkommen ratifiziert und sich damit zu den Klimazielen bekannt („Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf deutlich unter 2 Grad, möglichst auf 1,5 Grad“). Parallel hat auch die EU, deren größter Mitgliedstaat Deutschland ist, das Abkommen ratifiziert.

Eine Minderungsverpflichtung im Rahmen des Abkommens (NDC) hat allerdings nur die EU als Gruppe im Namen aller ihrer Mitgliedsstaaten abgegeben.

Im Parisabkommen wurde verabredet, dass die Unterzeichnerstaaten alle fünf Jahre, erstmals im Jahr 2020, ihre Minderungsbeiträge für 2030 überprüfen. In einem ersten Schritt hat die EU bereits Ende 2019 beschlossen, bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent werden zu wollen. Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, das Zwischenziel für 2030 von derzeit 40% Minderung gegenüber 1990 auf 55% anzuheben. Das EU-Parlament hat eine Anhebung auf 60% vorgeschlagen. Die Verhandlungen im Rat der Mitgliedstaaten laufen noch.

Sollte die EU auf dem Weg zur Klimaneutralität im Jahr 2050 ein Zwischenziel für das Jahr 2030 von 55 oder 60% beschließen, so würde dies zwar nicht für eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad, aber immerhin auf deutlich unter 2 Grad, reichen. Diese Annahme setzt voraus, dass auch alle anderen Unterzeichnerstaaten in vergleichbarer Weise ihrer Verantwortung gerecht werden.

Die EU wird ein angehobenes Zwischenziel für 2030 und damit ihre Verpflichtungen im Rahmen des Pariser Übereinkommens nur einhalten können, wenn alle ihre Mitgliedstaaten einen fairen Beitrag leisten. Was unter „fair“ zu verstehen ist, werden am Ende die EU-Gremien entscheiden. Wir rechnen mit einem Beitrag von Deutschland in Höhe von 65%.

GRAFIK zur Studie | Okt. 2020

Die Grafik gibt einen Gesamtüberblick der Maßnahmen zur Erreichung der Klimaneutralität ….
• PDF-Datei, 1.353 kb
• Quelle: Prognos, Öko-Institut, Wuppertal Institut (2020)

Auszug aus der Studie

Drei Schritte zur Klimaneutralität: Schritt 1 – 65% Minderung bis 2030

Auf dem Weg zur Klimaneutralität 2050 ist ein wichtiger Zwischenschritt eine Emissionsminderung von 65 Prozent bis zum Jahr 2030. In den 2020er Jahren wird sich entscheiden, ob Klimaneutralität bis zur Mitte des Jahrhunderts eine realistische Option ist. Auch bei einer Anhebung des EU-Minderungsziels für 2030 von 40 auf 55 Prozent wird ein Beitrag von Deutschland in der Größenordnung von 65 Prozent notwendig.

Das bestehende Klimaschutzgesetz bietet eine gute Basis für zusätzliche Emissionseinsparungen. Das zusätzliche Minderungspotenzial gegenüber den bisherigen Zielen des Klimaschutzgesetzes ist in den Sektoren unterschiedlich hoch und unterschiedlich schwierig zu erschließen. Entsprechend den in dieser Studie durchgeführten Analysen und Berechnungen ist ein zusätzlicher Beitrag in den Bereich der Landwirtschaft und Abfall kaum möglich. Im Verkehr und Gebäudesektor sind durch zusätzliche Anstrengungen jeweils 5 Mt zusätzliche Minderung möglich. Größere zusätzliche Einsparungen mit 17 Mt bzw. 77 Mt sind in der Industrie und der Energiewirtschaft möglich.

In der Energiewirtschaft können bis zum Jahr 2030 die Emission um 207 Mt CO2äq gesenkt werden. Gegenüber dem Sektorziel des Klimaschutzgesetzes beträgt die zusätzliche Einsparung 77 Mt CO2äq. Diese wird in erster Linie durch einen beschleunigten Kohleausstieg im Jahr 2030 und den erhöhten Zubau der erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung erreicht. Der Beginn der Wasserstoffnutzung in Kraftwerken und KWK-Anlagen ab 2030 trägt ebenfalls zum Rückgang bei. Der Kohleausstieg bis 2030 wird im Kontext mit einer Verschärfung des EU-Minderungsziels auf 55% und einer Anpassung des EU-ETS voraussichtlich weitgehend durch die dann veränderten Marktbedingungen für die Kohleverstromung erfolgen.
Der Stromverbrauch steigt bis 2030 durch die steigende Elektrifizierung in allen Sektoren um 51 TWh bzw. 9 Prozent im Vergleich zu 2018. Die erneuerbaren Energien erreichen 2030 einen Anteil von etwa 70 Prozent am Bruttostromverbrauch. Dafür werden Wind Offshore auf 25 GW, Wind Onshore auf 80 GW und PV auf 150 GW ausgebaut.

Um die Klimaziele in der Industrie erreichen zu können, werden in den zentralen Grundstoffindustrien neue Prozesse etabliert. Technologisch wird dies dadurch begünstigt, dass ohnehin etwa 50% der zentralen Industrieanlagen der deutschen Grundstoffindustrie in den nächsten 10 Jahren zur Reinvestition anstehen. Vorreiter könnte die Stahlindustrie sein. Hier können ans Ende ihrer Lebenszeit kommende Hochöfen durch Direktreduktionsanlagen ersetzt werden, die vorwiegend mit Wasserstoff und kleineren Anteilen Erdgas betrieben werden.

Aber auch in anderen Branchen muss in neue zu entwickelnde Technologien auf der Basis von Strom oder (vor allem erneuerbarem) Wasserstoff investiert werden. Parallel dazu ist es aber auch erforderlich die benötigten Infrastrukturen vor allem für eine Versorgung der Industrie mit Wasserstoff aber auch CCS-Infrastrukturen für die Zement- und Kalkindustrie aufzubauen. Ebenso ist es wichtig sehr schnell in eine stärkere Kreislaufführung und höhere Anteile sekundärer Rohstoffe zu investieren, damit diese Lösungen nach 2030 ihr volles Potenzial ausspielen können. Erste CCS-Anlagen in der Zementindustrie können schon 2030 in Betrieb sein.

Im Gebäudebereich werden die zusätzlichen Minderungen durch eine Veränderung der Heizungsstruktur, den Ausbau der Wärmenetze sowie um etwa 50 Prozent erhöhte energetische Sanierungsraten erreicht. Beim Einbau von neuen Heizungen gewinnen Wärmepumpen bis Mitte der 20er Jahre große Marktanteile, insbesondere im Bereich der Ein- und Zweifamilienhäuser werden 6 Mio. Wärmepumpen erreicht. Grüne Fernwärme gewinnt in urbanen Räumen eine stärkere Bedeutung. Nach 2025 werden nur noch in Ausnahmefällen neue Heizungen auf Heizöl oder Erdgasbasis in Betrieb genommen.

Im Verkehr findet eine Trendwende satt. Die persönliche Mobilität bleibt vollständig erhalten, aber sie verändert sich. Es fahren deutlich mehr Menschen mit dem öffentlichen Verkehr sowie dem Rad und gehen zu Fuß. Im Jahr 2030 sind bereits 14 Mio. E-Pkw im Bestand. Güter werden verstärkt auf der Schiene transportiert und es wird fast ein Drittel der Fahrleistung im Straßengüterverkehr über elektrische Lkw mit Batterien, Oberleitungen und Brennstoffzellen zurückgelegt.

In der Landwirtschaft werden bis zum Jahr 2030 verfügbare technische Minderungsmaßnahmen umgesetzt, wie z.B. die Vergärung von Wirtschaftsdüngern und verbesserte Lagerung und dem Einsatz von emissionsarmen Ausbringungstechnologien für Mist und Gülle. Gleichzeitig werden weitere Minderungen durch Änderungen der landwirtschaftlichen Produktion erreicht. Dazu gehören die Ausweitung des Ökolandbaus, eine Umstellung auf Kulturarten mit geringerem Stickstoffbedarf und die Reduktion der Tierbestände. Diese Änderungen der Produktion spiegeln Veränderungen auf der Nachfrageseite wider: Es werden – entsprechend aktueller Trends –weniger tierische Produkte konsumiert und bei der Nachfrage nach Bioenergie kommt es zu einer Verschiebung von gasförmigen zur festen Biobrennstoffen.

Im Abfallbereich sinken zwischen 2018 und 2030 die Methanemissionen aus der Deponierung weiter. Durch eine Ausweitung der Maßnahmen zur Deponiebelüftung wird die Reduktion der Methanemissionen beschleunigt. In den anderen Bereichen des Abfallsektors besteht bis 2030 nur geringes Reduktionspotenzial.

Drei Schritte zur Klimaneutralität: Schritt 2 – 95% Minderung der Emissionen

Ausgehend von 1990 sind 2030 bereits Zweidrittel der notwendigen THG-Einsparung bis zur Klimaneutralität geschafft. Das letzte Drittel wird bis 2050 eingespart bzw. kompensiert.

Sektorübergreifend setzt sich in den zwei Dekaden bis 2050 der Trend der Elektrifizierung fort und Wasserstoff gewinnt als Sekundärenergieträger und Rohstoff eine zunehmende Bedeutung. Effizienzverbesserungen helfen ebenso in allen Bereichen bei der Reduktion der Emissionen. Eine immer wichtigere Rolle spielt auch die Biomasse. Der Anbau verlagert sich stärker in Richtung feste Biomasse und der Einsatz konzentriert sich auf Bereiche, in denen keine guten Alternativen bereitstehen und die geeignet für CCS sind (vor allem Chemie- und Stahlindustrie).

Im Detail ergeben sich folgenden Entwicklungen bis hin zur Klimaneutralität in den Sektoren:

Im Bereich der Energiewirtschaft werden erneuerbare Energien weiterhin kontinuierlich ausgebaut. Der Stromverbrauch steigt von 2030 bis 2050 vor allem durch die weitere Elektrifizierung sowie die steigende Herstellung von Wasserstoff, um 50 Prozent auf etwa 960 TWh. Der Fokus des EE-Zubaus nach 2030 liegt weiter auf der Windenergie und Photovoltaik. Wasserstoff gewinnt zunehmend an Bedeutung und löst nach 2040 Erdgas als wichtigsten Energieträger für die Residualstromerzeugung ab. 2050 erfolgt die Strom- und auch Fernwärmeerzeugung vollständig CO2-frei.

In der Industrie setzt sich der Trend hin zu Strom und Wasserstoff sowie teilweise Biomasse als Energieträger fort, so dass die Industrie bis 2045 weitestgehend klimaneutral ist. Auch die chemischen Rohstoffe (Feedstocks) werden schon ab 2030 sukzessive durch chemisches Recycling und synthetische auf nicht fossilem CO2 beruhende Einsatzstoffe ersetzt. Die Zementindustrie wird bis 2050 fast flächendeckend an CO2-Infrastrukturen angeschlossen, so dass auch hier fast alle Emissionen aufgefangen werden können.

Im Gebäudebereich werden auch nach 2030 Sanierungen und der Neubau von verbrauchsarmen Gebäuden fortgesetzt. Im Jahr 2050 sind dann 90 Prozent der Gebäudefläche im Zeitverlauf seit dem Jahr 2000 saniert oder effizient neugebaut. Durch den fortschreitenden Einbau von Heizungen, die CO2-frei betrieben werden (14 Millionen Wärmepumpen) und den Anschluss von Gebäuden an Wärmenetze können die CO2-Emissionen der Gebäude bis 2050 fast vollständig vermieden werden.

Die Personenverkehrsleistung insgesamt verbleibt etwa auf dem heutigen Niveau. Durch die gemeinschaftliche Nutzung von Fahrzeugen über Pooling und den öffentlichen Verkehr steigt die Auslastung und es werden weniger Fahrzeugkilometer zurückgelegt. Der verbleibende Straßenverkehr wird mit einem Pkw-Bestand, der nahezu vollständig aus batterieelektrischen Fahrzeugen besteht, erbracht. Der Güterverkehr auf der Straße wird durch einen Mix aus batterieelektrischen Lkw, Oberleitungs-Lkw und Brennstoffzellen-Lkw auf den Weg zur Klimaneutralität gebracht. Gleichzeitig werden immer mehr Güter auf der Schiene transportiert. Der Luftverkehr und die Seeschifffahrt basieren vollständig auf dem Einsatz strombasierter Kraftstoffe.

In der Landwirtschaft werden bis 2050 weitere Minderungen über den Umbau der Tierbestände und die Vergärung hoher Wirtschaftsdüngeranteile in Biogasanlagen erreicht. Im Bereich der landwirtschaftlichen Böden ist wesentliches Reduktionspotenzial bereits bis 2030 erschlossen. In Folge des Tierbestands-Rückgangs und einer geänderten Nachfrage nach Bioenergie bestehen hier aber noch kleinere Potenziale durch den Anbau von weniger stickstoffintensiven Kulturarten und der angepassten Nutzung von Moorflächen.

Im Abfallbereich verbleiben Jahr 2050 noch Restemissionen aus der Deponierung, der biologi-schen Behandlung und der Abwasserbehandlung. Auf Grund der biologischen Prozesse lassen sich die Emissionen aus dem Abfallbereich nicht komplett vermeiden. Minderungen werden bis 2050 in allen Bereichen erzielt.

Drei Schritte zur Klimaneutralität: Schritt 3 – Kompensation der Rest-Emissionen mit CCS und Negativemissionen

Residuale THG-Emissionen sind die Restemissionen, die sich nicht mehr durch Vermeidungsmaßnahmen weiter reduzieren lassen. Diese kommen vor allem im Landwirtschaftssektor durch biologische Prozesse in Böden (Düngemittel) und bei der Tierhaltung zustande. Auch bei industriellen Prozessen und in der Abfallwirtschaft verbleiben restliche Emissionen.
Demgegenüber können die energiebedingten Treibhausgasemissionen durch den Einsatz Erneuerbarer Energieträger nahezu völlig vermieden werden. Lediglich sehr geringe Mengen an Methan- und Lachgasemissionen durch Lagerung, Transport und Verbrennung von Biomasse und synthetischen Brennstoffen verbleiben.

In Summe ergeben sich damit Restemissionen in Höhe von 62 MtCO2äq – das entspricht 5 Prozent der Emissionen des Jahres 1990. Diese werden vorwiegend durch den Einsatz von Biomasse-CCS, Direct Air Carbon Capture And Storage und der stofflichen Bindung von CO2 in Grünen Polymeren kompensiert. Entsprechend den Modellberechnungen liegen die negativen Emissionen in dem Szenario leicht über den Restemissionen, sodass die Emissionen in Summe sogar leicht negativ sind. Bei diesen Technologien wird CO2 aus der Atmosphäre direkt oder indirekt entnommen und langfristig eingelagert.

  • Bio-energy with carbon capture and storage (BECCS) ist die Abscheidung und geologische Lagerung von CO2, das bei der Verbrennung von Biomasse entsteht. Da Biomasse bei nachhaltigem Anbau und Nutzung als Reststoff weitgehend CO2-neutral ist, wird dadurch langfristig CO2 aus der Atmosphäre entnommen. Der Einsatz von BECCS ist durch die Menge der nachhaltig verfügbaren Biomasse begrenzt.
  • Als Direct Air Carbon Capture and Storage (DACCS) bezeichnet man die Abscheidung und von CO2 direkt aus der Luft und seine anschließende Einlagerung in geeigneten geologischen Formationen. Durch Ventilatoren wird die Umgebungsluft eingesaugt und durch ein Sorptionsmittel gebunden. Die Ablagerung des CO2 erfolgt wie beim CCS. Der Energieaufwand und die Kosten für DACCS sind deutlich höher als für BECCS.
  • Grünes Naphtha / Stoffliche Bindung von CO2 in grünen Polymeren: Mit aus der Luft über direct air capture entnommenem CO2 oder Biomasse wird mit aus erneuerbaren Energien erzeugtem Wasserstoff z.B. in Fischer-Tropsch Anlagen „grünes“ Naphtha oder andere Kohlenwasserstoffe hergestellt. Diese werden zu Polymeren und im Weiteren zu Kunststoffen verarbeitet. Durch ein verbessertes Recyclingsystem werden die Kunststoffe dauerhaft im Stoffkreislauf gehalten. Hierdurch und durch Verwendung von CCS bei der Müllverbrennung kann eine Emission des vorher aus der Atmosphäre gebundenen Kohlenstoffs vermieden werden.

Beim Einsatz von BECCS spielt die Industrie eine wichtige Rolle. Gerade die hohen kontinuierlichen und räumlich konzentrierten Wärmebedarfe der Stahl- und chemischen Industrie bieten hier die Möglichkeit Biomasse in großem Stil einzusetzen und das entstehende CO2 entsprechend abzutrennen. Dieses wird dann über die für die Zementindustrie ohnehin erforderliche CO2 Infrastruktur gespeichert. Auch die fast vollständige Kreislaufführung von Kunststoffen, vor allem über chemisches Recycling, ist ein wichtiger Beitrag der Industrie zur Klimaneutralität.

Da Methan und Lachgas den größten Anteil an den Restemissionen haben, wird in den Szenarien dadurch im Jahr 2050 mehr CO2 aus der Atmosphäre entnommen als emittiert. Neben diesen Technologien gibt es weitere Optionen zur Erzeugung von negativen Emissionen, aus Kosten und Potenzialgründen wurden aber nur die genannten Technologien genutzt.

In den Szenarien werden Maßnahmen im Bereich LULUCF, z.B. die Wiedervernässung von Mooren unterstellt, die dafür sorgen, dass dieser Sektor auch langfristig eine CO2-Senke bleibt. Damit wird durch die Maßnahmen im LULUCF-Sektor in 2050 eine Senke von -10 Mt CO2Äq erreicht. Allerdings kann das aktuelle Niveau der Senke von -27 Mt CO2Äq nicht gehalten werden. Natürliche Senken, d.h. die Kohlenstoff-Aufnahme durch Wälder und Böden, werden nachrichtlich ausgewiesen, aber in dieser Studie nicht zur Erreichung der Klimaziele angerechnet.